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Erscheinung:
alle 14 Tage
Auflage: 251'502

© 2008 – Impressum

 

 

 

Ausgabe 10 vom 14. Mai 2008


Claude-Alain Humbert – Der Autor des «Religionsführers» hat viele der beschriebenen Kirchen und Vereinigungen selber besucht. (Bild: Matthias Herren)

«Missioniert haben mich nur christliche Gemeinschaften»

Religiöse Gruppen – Auf Stadtzürcher Boden sind 370 religiöse und spirituelle Gruppen ansässig. Alle diese Kirchen, Vereinigungen und Gemeinschaften hat Claude-Alain Humbert in seinem eben erschienenen «Religionsführer» beschrieben.

Interview: Matthias Herren

Kirchenbote: Herr Humbert, wie kommen Sie als Nicht-Theologe dazu, einen über 600 Seiten dicken «Religionsführer» über religiöse und spirituelle Gruppierungen zu schreiben?
Claude-Alain Humbert: Schon lange Zeit befasse ich mich mit Religion und Spiritualität. Nachdem ich 1993 eine starke Sinneskrise durchgemacht habe, kam mir die Idee, einen lokal klar begrenzten Religionsführer herauszugeben. Die Motivation, mich an dieses riesige Werk heranzuwagen, war mein eigenes Suchen.

Wurden Sie auch fündig?
(lacht) Ich bin zwar Mitglied der evangelisch-reformierten Landeskirche. Doch heute würde ich mich keiner religiösen oder spirituellen Gruppierung mehr anschliessen. Ich muss meinen eigenen Weg finden…

… und eine eigene Kirche gründen?
Ja, aber nur für mich persönlich.

Sie beschreiben 370 Gruppierungen, die in Zürich ansässig sind. Hat Sie diese Zahl erstaunt?
Ich ging von 100 Gruppierungen aus. Während meiner siebenjährigen Arbeit wurden es jedoch immer mehr. Die Situation in Zürich ist ein Spiegel der religiösen Landschaft, wie sie auch in anderen europäischen Städten anzutreffen ist.

Wo findet die Entwicklung bei den christlichen Vereinigungen statt?
Die fremdsprachigen Gemeinden haben enorm stark zugelegt. Ich gehe davon aus, dass es gegen 80 solcher Vereinigungen in der Stadt Zürich gibt, und laufend entstehen neue.

Übernehmen diese Kirchen auch eine integrative Funktion?
Auf jeden Fall. Ein gutes Beispiel dafür ist die Gruppe «La Voie Suisse», eine charismatische Sondergruppe, in der sich Afrikanerinnen und Afrikaner treffen. Wichtig ist dort auch, dass man nach dem Gottesdienst zum Essen zusammensitzt. Dies hat für die Emigranten eine soziale Funktion.

Religiöse Gemeinschaften als Emigrantengemeinden – gilt dies auch für islamische Gemeinden?
In besonderem Mass. In Zürich gibt es allein fünf türkische Gemeinschaften, aber auch Bosnier, Albaner und andere Nationalitäten treffen sich in eigenen religiösen Zentren. Das Kulturelle und Soziale geht hier Hand in Hand mit der Religion.

Im letzten Kapitel erwähnen Sie auch die Anonymen Alkoholiker oder Schenkkreise. Was haben diese in einem «Religionsführer» zu suchen?
Mit ihrem Zwölf-Schritte-Programm sind die Anonymen Alkoholiker zweifellos eine spirituelle Gruppe. In einem der ersten Schritte übergibt das Mitglied sein Leben der höheren Macht. Schenkkreise sind Vereinigungen mit einer besonderen Weltanschauung. Viele der Personen, die sich dort engagieren, sind auch in der esoterischen Szene anzutreffen.

Wo liegt die Bedeutung der Landeskirchen in diesem riesigen religiösen Markt?
Ihre Offenheit und Freiheit ist unter den vielen – auch sektiererischen – Gruppierungen sehr wichtig. Das Problem der Landeskirchen aber ist, dass sie von den Mitgliedern kaum wahrgenommen werden. Um relevant zu bleiben, müssen sich die grossen Kirchen vermehrt um den persönlichen Kontakt zu ihren Mitgliedern bemühen. Angehörige von freien religiösen Gemeinschaften haben grundsätzlich einen engeren Bezug zu ihrer Vereinigung.

Viele der Gruppierungen, die Sie beschreiben, haben Sie auch besucht. Was beobachteten Sie dabei?
Interessant ist, dass nur christliche Gemeinschaften versuchten, mich aktiv zu missionieren. Am Ende eines Abends in einem pfingstlichen Hauskreis wurde ich sogar gefragt: Wollen Sie ihr Leben jetzt nicht Jesus übergeben? Einen Geist des Überzeugtseins, dass ihr Weg der richtige sei, kam mir jedoch in vielen Gruppen entgegen. In den meisten Fällen fühlte ich mich aber sympathisch vereinnahmt.

Ihr «Religionsführer» ist sehr sachlich abgefasst. Sie verzichten auf jegliche Wertung.
Dass ich so viele Gruppierungen beschrieben habe, spricht für sich. Dabei kommt auch Umstrittenes zur Sprache. In einigen Fällen versuchte man mich dran zu hindern, über Abspaltungen der eigenen Bewegung zu schreiben. Das Urteil sollen sich die Leserinnen und Leser jedoch selber bilden. Daher versah ich auch jeden Artikel mit einer Kontaktadresse.

Buchhinweis:
Religionsführer Zürich. Orell Füssli Verlag, 2004, 608 Seiten, Fr. 54.–.

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