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Auflage: 251'502

© 2008 – Impressum

 

 

 

Ausgabe 10 vom 14. Mai 2008

«Gott hat das Verachtete erwählt»

Erwähltes Volk (6/Schluss) – Bei Gott zählt, was bei den Menschen nichts zählt. Dieser Zuspruch gilt dem Gekreuzigten und Israel genauso wie den Verachteten dieser Welt.

Von Hanspeter Ernst

«Christus, den Gekreuzigten – für die Juden ein Ärgernis,
für die Heiden eine Torheit,
für die aber, die berufen sind, Juden wie Griechen,
Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.»
(1. Kor. 1, 23f.)

«Das Törichte in dieser Welt hat Gott
erwählt, um die Weisen zu beschämen, und das Schwache dieser Welt hat Gott erwählt, um das Starke zu beschämen, und das Geringe dieser Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts gilt, um zunichte zu machen, was etwas gilt» (1. Kor. 1, 27f.).

Paulus schreibt diese Worte an die Chris­ten in Korinth. Die ­Gemeinde ist in Gruppen aufgesplittert, die untereinander zerstritten sind. Ihnen verkündigt er «Christus, den Gekreuzigten – für die Juden ein Ärgernis, für die Heiden eine Torheit, für die aber, die berufen sind, Juden wie Griechen, Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit» 1. Kor. 1, 23f.).

Der Gedanke, dass Gott das Törichte, Schwache und Verachtete erwählt hat, ist ein schöner Gedanke. Die Weisheit Gottes ist nicht die der Menschen. Daher lassen sich getrost das Ringen, die geistige Auseinandersetzung mit den Texten, das Erforschen ihrer Hintergründe und ihrer Geschichte – also das, worum Theologen und Theologinnen sich bemühen – auf die Seite schieben. All das ist Weisheit, die nichts zählt. Entscheidend ist einzig der Glaube an Christus, den Gekreuzigten.

Wollte Paulus also den Theologen ins Stammbuch schreiben, dass ihre Arbeit unwichtig ist? Wohl kaum. Denn Paulus schreibt selbst theologisch anspruchsvolle Briefe und macht sich damit auch mit weltlicher Weisheit verständlich. Mit seinen Worten will Paulus Gläubige vor Dummheiten bewahren.
«Gott hat das Verachtete erwählt, das, was nichts gilt, um zunichte zu machen, was etwas gilt.» Diese Worte ­stehen im Zusammenhang mit Christus, dem Gekreuzigten. Dieser Gekreuzigte ist der von Gott Verlassene. Verachtet von Menschen. Und so paradox es tönt: Diesen hat Gott erwählt.

Paulus steht mit solchen Aussagen mitten in der Geschichte Israels: Gott hat sich das Volk auserwählt, das nichts vorzuweisen hat. Er hat das verachtete Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten in die Freiheit geführt. Seine besondere Liebe gilt den Verachteten, den Waisen, Witwen und Rechtlosen.
Vor dem Hintergrund dieser Geschichte wird verständlich, weshalb Paulus schreiben kann, «um zunichte zu machen, was etwas gilt». Denn es gibt eine Weisheit, die Verachtung von Menschen für notwendig erklärt; es gibt Theorien, die menschliche Opfer in Kauf nehmen und für notwendig erklären; es gibt Lebensweisen, welche die Zerstörung von Lebensgrundlagen als sinnvoll und notwendig betrachten. Es kann geschehen, dass auch das Wort vom Kreuz zu einem System werden kann, das Opfer erzeugt. Es kann geschehen, dass im Namen dieses Kreuzes andere Menschen verachtet werden. Und es kann geschehen, dass der Glaube an den Gekreuzigten zur Ursache von Verachtung anderer wird.

«Gott hat das Verachtete erwählt.» Diese Aussage macht klar, dass Erwählung nicht einfach ein für alle Mal gegeben ist. Nach wie vor ist unsere Welt voller Schreie der Verachteten. Solange es diese Schreie gibt, triumphiert die Weisheit der Welt. Wo aber Leben möglich wird, da ist die Weisheit Gottes am Werk. Die Erwählung ist dieses Zusammenwirken von Gott und den Menschen.

60 Jahre Israel

Ist Israel das erwählte Volk? Im Jubiläumsjahr des Staates Israel suchen der jüdische Theologe Michel Bollag und sein christlicher Kollege Hanspeter Ernst vom Zürcher Lehrhaus nach Antworten in der Bibel.

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