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Ausgabe 10 vom 14. Mai 2008

Helen Stückelberger: «Die Verdrängten bekamen für mich plötzlich ein Gesicht.»
«Israel verliert seine Seele»
60 Jahre Israel – Für Helen Stückelberger ist das Jubiläum der Staatsgründung «fast nur Schmerz». Als junge Frau leistete sie begeistert Kibbuz-Einsätze. Später entdeckte sie die Not der Palästinenser.
Von Samuel Geiser
«Heute Morgen habe ich eine Stunde lang mit Bethanien telefoniert», sagt Helen Stückelberger: mit dem Waisenhaus in der von Israel besetzten Westbank, wo sie von 1970 bis 1980 als Heilpädagogin gearbeitet hat. Enerviert und erleichtert zugleich erzählt sie, was sie Neues aus Palästina erfahren hat: «Mohammed kommt endlich frei, einer der Söhne – nach sechs Jahren Haft in einem israelischen Gefängnis.» Einer der Söhne? «Ja, Söhne», wiederholt sie, obwohl sie eben erklärt hatte, ledig zu sein. «Alle waren sie eben unsere Kinder», lacht sie. «Warum Mohammed ins Gefängnis musste? Wenn ich das wüsste», seufzt sie: «Eine unbedachte Drohung gegen die Besatzer, und schon verschwindet ein Palästinenser ohne Prozess für Jahre im Kerker.»
Ihre Eltern halfen Juden
Wenn Helen Stückelberger leidenschaftlich aus ihrem Leben erzählt, vergisst man rasch, dass da auf dem Sofa im kleinen Wohnzimmer einer Genossenschaftswohnung in Biel eine Frau sitzt, die längst Grossmutter sein könnte. «Wenns einen gepackt hat, hats einen gepackt.» Gepackt hat es Helen Stückelberger eigentlich schon als Kind. Geboren und aufgewachsen in Riehen, «hart an der Grenze» und mit Jahrgang 1934, habe sie früh gewusst, «was Stacheldraht, Krieg und Flüchtlinge sind». Ihr Vater, Pfarrer am dortigen Diakonissenhaus, «christlich-sozial engagiert, in Richtung Leonhard Ragaz», ihre Mutter «stark frauenrechtlerisch bewegt». Die Mutter half beim Empfang jüdischer Kinder, die auf Familien verteilt wurden.
Helen Stückelberger erinnert sich an die jüdische Frau, die mit ihrem Kind für Monate im Pfarrhaus Unterschlupf fand. Und an die Flüchtlinge, die sich durch Absprung aus dem Zug Lörrach–Weil, der bei Riehen kurz über Schweizer Gebiet fährt, in Sicherheit brachten.
Sie erinnert sich aber auch, wie ihre Eltern 1948 jubelten, als der Staat Israel gegründet wurde. «Endlich haben die Juden ein Land, wo sie sein dürfen», sagten Vater und Mutter
erleichtert. Dass die Staatsgründung mit der Vertreibung von Palästinensern «und der Zerstörung von 500 Dörfern» einher-ging, sei überhaupt kein Thema gewesen: «Man wusste es nicht, oder man sprach nicht darüber.»
Begeistert im Kibbuz
1960 verbringt Helen Stückelberger sechs Wochen im Kibbuz Ramad Yochanan bei Haifa, am Fusse des Karmel, und packt bei der Orangenernte tüchtig mit an. Vermittelt hatten die Kibbuzkontakte ehemalige jüdische Flüchtlinge in der Schweiz. «Ich war begeistert von der Gütergemeinschaft, vom ge-nossenschaftlichen Geist – fromm gesprochen: von einem Leben, das mich an jenes der ersten Apostel mahnte.» Zwar habe man «irgendwie geschnuppert», dass rund um den Kibbuz noch andere Menschen lebten, Palästinenser eben, doch im Kibbuz sei darüber kein Wort gefallen: «Wir spürten, das ist tabu.»
1961 begann sich der Christliche Friedensdienst (cfd) auch auf der palästinensischen Seite zu engagieren, «und plötzlich bekamen die Verdrängten ein Gesicht». Erste cfd-Volontäre gingen auf die Westbank, damals noch jordanisches Staatsgebiet. Und Helen Stückelberger regte Begegnungen zwischen Israelis und Palästinensern in der Schweiz an.
1970 reiste sie als 36-Jährige in die (unterdessen israelisch besetzte) Westbank aus – nach Bethanien bei Jerusalem. Sie lernt Arabisch und arbeitet zehn Jahre lang in einem Behinderten-heim und in einem Waisenhaus. «Ich entdeckte die Offenheit und Herzlichkeit der palästinen-
sischen Gemeinschaft», erzählt sie. Ihr tiefster Eindruck vom Einsatz in Bethanien? «Dass die Heimkinder, unterdessen längst erwachsen, ein Leben lang nichts als Militär und Gewehr, Patrouillen und Checkpoints erlebt haben. Und dass es für deren Kinder ebenso ist.»
1980: Rückkehr in die Schweiz. Helen Stückelberger engagiert sich neben ihrer Arbeit als Heilpädagogin weiterhin für Palästina, sammelt Geld für die Heime, hält Vorträge, organisiert in Biel den Verkauf von palästinensischem Olivenöl, steht in Bern jeden Monat einmal vor der Heiliggeistkirche Mahnwache für einen gerechten Frieden in Nahost.
Sechzig Jahre Israel: Was bedeutet ihr das Jubiläum? «Fast nur Schmerz: Ein Volk, das sechzig Jahre lang ein anderes verdrängt, vertreibt und zugrunde richtet, richtet sich auf die Länge selbst zugrunde: Israel verliert seine Seele.»
Israel soll erwachen
Und die Hoffnung? «Dass die Israelis endlich erwachen und ihre knapper werdenden Mittel nicht länger ins Militär und den Mauerbau stecken, sondern den Armen, Alten und Arbeitslosen zugutekommen lassen, denen es in Israel täglich dreckiger geht. Und dass Israel die Palästinenser als gleichberechtigte Menschen anerkennt.»
Nestbeschmutzer oder Aufklärer? Der israelische Historiker Ilan Pappé und sein neues Buch «Die ethnische Säuberung Palästinas».
Enteignungen und Vertreibungen
«Weil ich Israeli und Jude bin, muss ich das Unrecht benennen», sagt der israelische Historiker Ilan Pappé. Lange Zeit hat er an der Universität seiner Heimatstadt Haifa gelehrt. Nun ist der 54-Jährige seit einem Jahr Geschichtsprofessor in Exeter, England. «Wer in Israel die staatliche Politik kritisiert, ist unerwünscht.»
Der streitbare Wissenschaftler hat mit den Mythen der israelischen Staatsgründung aufgeräumt. Denn für Pappé ist klar: «Der Staat Israel ist durch schwere Völkerrechtsverletzungen entstanden – durch Enteignungen, Vertreibungen und Massaker.»
In seinem jüngsten Buch, «Die ethnische Säuberung Palästinas», beschreibt er die
Vertreibung von 750000 Palästinensern im Jahr 1948 als
eine von langer Hand geplante ethnische Säuberung. Laut der israelischen Geschichtsschreibung gab es nie einen solchen Plan. Die Palästinenser hätten das Land quasi freiwillig verlassen. Pappé belegt seine Thesen unter anderem mit Dokumenten, die aus israelischen Militärarchiven stammen. Die «ethnische Säuberung» ist gemäss dem Historiker noch immer im Gang, indem Häuser von Palästinensern zerstört werden oder jüdischen Siedlungen weichen müssen.
Für sein Anliegen kämpft Ilan Pappé mit Forschungsarbeiten und öffentlichen Auftritten: «Wenn immer mehr Menschen bei ihren Regierungen auf Sanktionen gegen Israel drängen, falls dieses seine Politik der Zerstörung nicht aufgibt: Dann wird sich etwas ändern.»
Katharina Schindler, InfoSüd
n Ilan Pappé: Die ethnische Säuberung Palästinas, Verlag Zweitausendeins, 413 Seiten, Fr. 60.–.
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