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Ausgabe 10 vom 14. Mai 2008

BilderBox.com/Erwin Wodicka
Die Kunst der Domestizierung
Nüchtern-funktional sind die landeskirchlichen Internet-Auftritte. Anders das Portal jesus.ch, das der Schweizerischen Evangelischen Allianz nahe steht. Es präsentiert neben News auch ein vielfältiges Ratgeber-Angebot.
Von Matthias Herren
Das Internet ist wie ein wildes Tier», sagte Mirko Marr, Medienwissenschaftler an der Universität Zürich, an der Boldern-Kirchenpflegetagung im Januar. Und: Die Möglichkeiten des World Wide Web seien schier unbegrenzt. Doch Mirko Marr bewahrte die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer davor, deswegen in Euphorie auszubrechen: «Entscheidend ist nicht, was das Internet alles kann, sondern wie es uns gelingt, dieses wilde Tier zu domestizieren.» Die Nutzung des neuen Mediums richte sich nämlich nicht nach dessen Möglichkeiten. Statt im unbegrenzten Datenverkehr herumzusurfen, müssten wir privat oder geschäftlich immer wieder entscheiden, wozu wir das Internet konkret benutzen wollen. Das gilt auch für die Verwendung der neuen Technologie in der Kirche.
Pionierhafte Zürcher Kirche
Verschlafen hat die Zürcher Landeskirche die Entwicklung der Kommunikation im Internet gewiss nicht. Das World Wide Web steckte Mitte der 90er Jahre noch in den Kinderschuhen, als sich die Zürcher Kirche schon an die Domestizierung des «wilden Tiers» wagte und eine eigene Homepage im Netz aufschaltete (www.zh.ref.ch). Zu jener Zeit verfügte erst rund jeder fünfte Schweizer über einen Internet-Zugang. Heute sind es zwei Drittel der Bevölkerung.
Inzwischen ist die Homepage der Landeskirche und der gesamtkirchlichen Dienste mehrfach überarbeitet worden, ein letztes Mal Ende Februar 2004. Eine gestylte Internet-Seite mit diversen Spezial-Effekten ist der Auftritt jedoch nicht. «Vielmehr setzen wir auf ein breites Informationsangebot», sagt Peter Morger über die nüchtern-funktional gestaltete Website. Dazu gehört für den kirchlichen Internet-Verantwortlichen auch, dass die verschiedenen Abteilungen der kirchlichen Verwaltung selber ihre Inhalte ins Netz stellen können. «So ist unser Auftritt immer auf dem neusten Stand.»
Als wachen Hund, der rasch reagiert, hat die Landeskirche das Internet P schon verschiedentlich schätzen gelernt. Etwa als vor einem Jahr der Jesusfilm «The Passion of the Christ» in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurde. «Damals konnten wir innert Kürze umfassende Hintergrundinformationen über die Bedeutung des Todes von Jesus ins Netz stellen», erzählt Morger.
Fürs Bullinger-Jubiliäum und Projekte wie das religionspädagogische Handeln oder die Initiative für den Bibelunterricht bewährt sich die Homepage der Landeskirche als Informationsplattform. Als ein praktisches Hilfsmittel erweist sie sich für Behördenmitglieder: Rund 430 Formulare stehen dort zum Herunterladen bereit, wie zum Beispiel für die Kirchenpflegewahlen vom nächsten Jahr.
Die Bemühungen, das Internet zu domestizieren, gehen laufend weiter: Im Moment werde darüber diskutiert, wie der elektronische Auftritt der Kantonalkirche noch mehr an theologischer Substanz gewinnen könne, sagt Morger. Erste Schritte sind bereits erfolgt: Unter dem Link «Themen» findet der Surfer von Abendmahl bis zu Zwingli viel Informationen sowie auch Web-Tipps zu religiösen Themen.
Eine sachlich-nüchterne Beziehung zum «Haustier» Internet prägt auch die Homepage der reformierten Kirchen P auf Schweizer-Ebene (www.ref.ch). «Wir verstehen uns als kirchlichen Kundenschalter», erklärt Matthias Bachmann die Ausrichtung des Auftritts. Für den Internetverantwortlichen der Reformierten Medien liegt die Stärke dieser Homepage in ihrer Weichenfunktion: Von den Links zu den Kantonalkirchen und Kirchgemeinden bis hin zu Pressemeldungen und thematischen Dossiers ist hier sehr vieles zu finden.
Religion mit Lifestyle
Einen anderen Weg der Domestizierung wählt das religiöse Internetportal www.jesus.ch. Von Nachrichtenmeldungen bis hin zu Lifestyle-Themen deckt der umfassende Auftritt ein viel breiteres Spektrum ab als die landeskirchlichen Homepages. Rückgrat der Website sind die täglich aktualisierten und redaktionell aufgearbeiteten News-Meldungen. Daneben gibt es aber auch ein umfangreiches Ratgeber-Angebot: Auf Fragen zur Erziehung, Steuererklärung und Esoterik bis hin zur Frage «Wie kann ich Gott kennen lernen?» findet der Surfer hier eine Antwort.
Hinter dem gross angelegten Auftritt mit über 90000 Einzelseiten steht der Verein Livenet, der zum Umfeld der Schweizerischen Evangelischen Allianz gehört. Mit jesus.ch sollen vor allem kirchenferne Surfer erreicht werden, erklärt Initiator und Geschäftsführer Beat Baumann. Eine stolze Frequenz von rund 22000 Besuchen pro Tag verzeichnet die Homepage, jeder zehnte darunter ein Erstkontakt. Nicht nur der Beachtungsgrad des christlichen Internetportals ist sehr gross, auch dessen Qualität. Das Magazin «anthrazi – leben digital» zeichnete jesus.ch im Februar als beste Webseite der Schweiz in der Sparte Religion aus. «Professionell gemachtes, neutrales Glaubensportal, das christliche Inhalte und Grundwerte in zeitgemässer Art zugänglich machen will», heisst es in der Laudatio.
Ressourcen sind entscheidend
Während die landeskirchlichen Websites von Mitarbeitenden im Teilzeitpensum betreut werden, betreibt jesus.ch mit 7,5 Stellen wesentlich mehr Aufwand. Finanziell auf Rosen gebettet ist der Verein mit einem Jahresbudget von 800000 Franken aber nicht. «600000 Franken müssen wir über Spenden einnehmen, 200000 Franken bringt uns die Werbung», erklärt Geschäftsführer Baumann die aggressiven Spendenaufrufe, die beim Laden der Seite dem Surfer entgegenspringen.
Die Frage nach den Ressourcen müsse bei einem Internet-Auftritt neben Inhalt und Layout immer auch im Zentrum stehen, erklärte der Medienwissenschaftler Mirko Marr den Kirchenleuten an der Boldern-Tagung. Das gilt besonders auch im Hinblick auf die Internet-Auftritte der Kirchgemeinden. «Wenn ein Jugendarbeiter dafür 80 Prozent seiner Arbeitszeit verwenden muss, läuft etwas falsch», sagt der Internet-Verantwortliche der Kantonalkirche. Er empfiehlt daher den Kirchgemeinden so genannte Content-Management-Systeme, mit denen sie relativ einfach ihren elektronischen Auftritt aufbauen und betreuen können.
Die Ressourcenfrage stellt sich aber auch bei den Nutzerinnen und Nutzern. Die tägliche Verweildauer im Internet stagniert nach einem kontinuierlichen Anstieg gegenwärtig bei etwa zwei Stunden. Aus den USA sind sogar bereits rückläufige Trends zu verzeichnen. «Dort sind rund 10 Prozent der Internet-Surfer wieder ausgestiegen», weiss Marr. «Das World Wide Web brachte ihnen zu wenig Nutzen.»
www.ref.ch
www.jesus.ch
www.zh.ref.ch
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