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Erscheinung:
alle 14 Tage
Auflage: 251'502

© 2008 – Impressum

 

 

 

Ausgabe 10 vom 14. Mai 2008

Brief – E-Mail

Es war einmal: Der Brief. Das stimmt natürlich nicht ganz. Denn es gibt sie immer noch: Die wunderbar materiell greifbare Botschaft in der papierenen Umhüllung. Doch sie hat schwer an Bedeutung eingebüsst, seit ihr kleiner Bruder, der elektronische Brief, Ende der achtziger Jahre seinen Siegeszug antrat. Seither hat man immer seltener den Geschmack von Couvert-Leim auf der Zunge und immer mehr «Spam» (Abfall) im elektronischen Briefkasten.

Vor allem in der Arbeitswelt sind die Botschaften, die praktischerweise in Sekundenschnelle durchs World Wide Web sausen, nicht mehr wegzudenken. Das Sausen vernimmt man allerdings auch in den eigenen Ohren, denn das E-Mail wispert: «Beantworte mich schneller als schnell!» Auch im Privaten verdrängt, so man sich nicht hin und wieder bewusst mit Griffel und Blatt hinsetzt, das E-Mail seinen papierenen Bruder. Hat man aus früheren Zeiten noch eine Schachtel mit Liebesbriefen, wird heute der elektronische Posteingang für Amouröses schon mal zur Endstation. Zuerst druckt man’s nicht aus, und wenn der neue Computer kommt, kann man’s nicht mehr lesen.

Ich vermute übrigens, dass jeder Mensch so etwas wie einen «Ur-Brief» hat. Für mich sinds die mit grüner Tinte beschriebenen Seiten meiner Brieffreundin Fränzi aus Saanenmöser. Sie legte ihren Briefen oft getrocknete Blumen aus den Berner Oberländer Wiesen bei – ich weiss noch genau, wie die rochen. Ein «Ur-E-Mail» habe ich nicht.
sas

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