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Erscheinung:
alle 14 Tage
Auflage: 251'502

© 2008 – Impressum

 

 

 

Ausgabe 10 vom 14. Mai 2008

Bild: Hanspeter Bärtschi
Medienexperte Roger Blum: «Nur eine kritische Zeitung ist fürs Publikum glaubwürdig.»

«Die neue Zeitung muss auch provozieren»

«reformiert.» (3) – Medienexperte Roger Blum über die Stärken des «Kirchenboten» und die Chancen, die sich mit «reformiert.» eröffnen.

Interview: Martin Lehmann und Samuel Geiser

Kirchenbote: Herr Blum, wie stehen der Zürcher «Kirchenbote» und der Berner «saemann» in der Schweizer Medienlandschaft?
Roger Blum*: Einerseits darf man diesen Zeitungen attestieren, dass sie sehr gut gemachte, journalistisch hochstehende Zeitschriften sind. Sie bringen es immer wieder fertig, Themen, die in der Luft liegen, attraktiv zu behandeln. Eine weitere Stärke besteht in ihrer Kompetenz, gesellschaftliche und politische Fragen konsequent aus ethischer, religiöser und kirchlicher Perspektive zu beleuchten – das macht ihnen so schnell kein anderes Medium nach. Andererseits haben diese Zeitungen ein Problem: Die meisten Leute, die sie bekommen, haben sie gar nicht abonniert. Sie landen bei ihnen, weil sie Mitglied einer Kirche sind. Deshalb haben sie auch keine enge Beziehung zum «Kirchenboten» oder «saemann».

Drei der an «reformiert.» beteiligten Partner, der Aargauer, Bündner und Zürcher «Kirchenbote», stehen strukturell nahe an der Landeskirche. Könnte das die ­redaktionelle Unabhängigkeit ­gefährden?
Das kommt darauf an, ob die kirchlichen Institutionen auf den redaktionellen Kurs Einfluss zu nehmen versuchen. Die Frage lautet: Will man ein linientreues Propagandablatt – oder eine journalistisch gemachte, ­redaktionell unabhängige Zeitschrift, die auch Kirchenthemen kritisch abhandelt? Wenn man sich fürs Zweite entscheidet, muss eine Kirchenleitung, selbst wenn sie das Blatt herausgibt, akzeptieren, dass eine solche Zeitung im redaktionellen Kurs relativ autonom agiert, agieren muss. Nur eine kritische, journalistisch gemachte Zeitung ist fürs Publikum glaubwürdig – das will nämlich weder missioniert noch mit gestylten Werbetexten eingedeckt werden.

Am 30. Mai erscheint die erste Ausgabe von «reformiert.»: Was muss die neue Zeitung besser machen als die bisherigen?
Vom Ansatz her ist der bis­herige Kurs ein guter Weg. In «reformiert.» ist mehr Farbe drin, mehr Vielfalt: Das ist positiv, spricht mehr Leute an. Andererseits darf «reformiert.» nicht aussehen wie eine Tageszeitung: Das Komplementäre, die andere Perspektive dieser Zeitung, muss sichtbar sein.

Das waren vorab grafisch-layouterische Empfehlungen. Gibts auch inhaltliche?
Wichtig ist, dass es weiterhin ein Schwerpunktthema gibt: Es schafft einen wirklichen Mehrwert. Die Kombination von Hintergrundbeiträgen und Kurzfutter, die ich in der Nullnummer von «reformiert.» entdeckt habe, ist ziemlich geschickt. Letztlich hängt der Erfolg der neuen Zeitung aber davon ab, ob «reformiert.» einen überzeugenden Kurs fährt und glaubwürdig ist.

«reformiert.» wird nur zwölf Seiten dick und mit dem Kirchenblatt-Image behaftet sein. Hat die neue Zeitung überhaupt eine Chance, wahrgenommen zu werden?
Ja, wenn sich die Redaktion regelmässig etwas einfallen lässt. Besonders in den Dossiers muss sie auch provozieren, Reaktionen hervorrufen wollen. Sie muss sich ab und zu ganz ­exklusive Interviewpartner leis­ten. Sie muss kontroverse Streitgespräche führen, die so noch nirgends sonst geführt worden sind. Und sie muss Medienarbeit betreiben, damit solche Eigenleistungen über Nachrichten­agenturen zum öffentlichen Thema werden.

Exklusiv, um nicht zu sagen exotisch ist mindestens die Organisationsform bei «reformiert.»:
eine gut zehnköpfige Redaktion ohne Chefredaktion, dafür mit
rotierenden Verantwortungen; ein Trägerverein, der sich zwar um Druck und Vertrieb kümmert, die meisten Verlagsaufgaben aber den lokalen Partnern überlässt.

Das Modell ist sicher nicht ganz ohne Risiken – aber ich gehe davon aus, dass die zusammen­gewürfelte Redaktion über Ausgaben, die sie produziert, ihre Identität findet. Wenn sich zudem der Trägerverein in der Rolle des kritisch-solidarischen Begleiters sieht, der zwar differenziert Kritik übt, die Redaktion aber insgesamt stützt, kanns fast nur gut kommen.

Noch besser käme es, wenn die bislang abseitsstehenden kantonalen Mitgliederzeitungen auch ins «reformiert.»-Boot geholt werden könnten.
Das wäre in der Tat wünschenswert. Vermutlich ist das bloss eine Frage der Zeit und des publizistischen Erfolgs von «reformiert.»: Wenn «reformiert.» ein Jahr nach dem Start Leserquoten vorweisen kann, die sich gegenüber den alten Publikationen verbessert haben, geraten die anderen Titel unter Druck.

Neue Zeitung

Ab Juni 2008 produzieren die «Kirchenboten» der Kantone Aargau, Graubünden und Zürich sowie der Berner «saemann» eine gemeinsame Zeitung. In dieser Serie berichten wir, was sich mit «reformiert.» verändern und was gleich bleiben wird.

* Roger Blum, 63, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern und Dozent am Medienausbildungszentrum Luzern (MAZ).

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