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Erscheinung:
alle 14 Tage
Auflage: 251'502

© 2008 – Impressum

 

 

 

Ausgabe 10 vom 14. Mai 2008

Bild: Martin Guggisberg
Spiel mit dem roten Punkt von «reformiert.: (von links) Nadine Hofmann, Sabine Schüpbach, Delf Bucher, Corinne Fischbacher, Dodo Bader, Lisa Zivalic, Christine Voss, Matthias Herren (es fehlen Isabella Frefel und Brigit Vonarburg).

Vom Umkrempeln von Wohnungen und Zeitungen

Ständig verschwindet Altes, und Neues kommt. Was das in der Zeitungswelt heisst, erklärt Jürg Ramspeck, veränderungserprobter Journalist, Blick-Kolumnist und Spezialist für kurios-verborgene Zusammenhänge.

Von Jürg Ramspeck

In unserem Elternhaus erlebten mein Bruder und ich mehrmals den Prozess der Ummöblierung, der ein über längere Zeit gut vorbereitetes Ereignis war. Hervorgerufen wurde er durch die Vermutung, dass von einem Sofa, auf welches das Licht schräg einfällt, ein ganz anderer Impuls ausgeht als von einem Sofa, das sich direkt unter dem Fenster befindet. Wobei es sich in unserem Fall um ein und dasselbe Sofa handelte.

Ins Werk gesetzt wurde die Ummöblierung durch die Anfertigung eines Grundrisses unserer Vierzimmerwohnung im A3-Format sowie durch die sorgfältige Erstellung massstabgetreuer Kartonfolien, welche die vorhandenen Einrichtungsgegenstände darstellten. Die Folien konnten dann auf dem Grundriss verteilt werden. Es gab keine Tabus. Niemand hielt unbelehrbar an der Auffassung fest, dass der Nussbaumschrank ursächlich mit der Idee verbunden war, im Esszimmer stehen zu müssen. Wenn Ess- und Wohnzimmer ihre Bestimmung wechselten, stand er zur Disposition. Aber es war einfach der Gedanke im Raum, dem Nussbaumschrank durch Umplatzierung zu einem neuen Auftritt im Gesamtgefüge, ja einer neuen Identität zu verhelfen.

Möblieren mit Feng-Shui

Heute hätten wir für diesen Vorgang den Ausdruck Feng-Shui zur Verfügung. So wie ich ihn verstehe, behauptet er, dass die Anordnung der Möbel in einer Wohnung einen wesenhaften Einfluss auf die Personen ausübe, die in der betreffenden Wohnung daheim sind. Dieser Anordnung lägen Gesetze zugrunde, die beruflichen Feng-Shui-Beratern bekannt sind, weshalb man bei der Gestaltung seines Interieurs mit Vorteil solche zurate zieht. Wir waren damals natürlich noch auf unsere dilettantischen Annahmen angewiesen, weshalb auch niemals ein Resultat zustande kam, das länger als ein paar Jahre vorhielt.

Insgesamt erhoffte man sich von der Umordnung der mobilen Sachwerte eine atmosphärische Neubelebung des Aufenthaltes zwischen ihnen. Das gilt – wie ich später als Zeitungsredaktor erfuhr – auch für andere Branchen. In derjenigen, in der ich also gelandet bin, treten die Feng-Shui-Berater in Form von Verlagsleuten, Grafikern und erfahrenen Geburtshelfern aus vorwiegend ausländischen Kompetenzzentren auf. Sie bringen nach geleisteter Vorabklärung die Erkenntnis ein, dass das Produkt einer weitgehenden Überholung bedarf, damit es anschliessend seinen Nutzern als ein moderneres, um nicht zu sagen neues erscheint. Und überdies: Die es herstellen, sollen aus der erfolgten Generalüberholung den Anreiz zu gesteigerter Selbstverwirklichung im renovierten Umfeld gewinnen. Wie man sich im ladenfrischen Armani-Anzug erhabener fühlt als in den ausgetragenen Sachen aus dem Secondhandshop.

«Ich bin ein Schrank»

Wenn ich unbescheidenerweise auf mich selbst hinweisen darf, erlaube ich mir zu erwähnen, dass ich in zehn Jahren, seit ich im «Blick» eine tägliche Kolumne verfasse, selber schon zweimal ummöbliert worden bin. Erst besass ich auf der letzten Seite das Schlusswort, dann fand ich einen privilegierten Fixplatz neben dem Wetterbericht, und nun wurde mir eine Wechselstelle im vorderen Nachrichtenteil, je nach den Erfordernissen des Umbruchs ein- bis vierspaltig, eingeräumt. Ich war quasi der Nussbaumschrank, dem zugedacht war, aus veränderter Umgebung erneut seine Daseinsberechtigung zu entfalten.

Es wird nicht wundern, wenn ich bekenne, dass es mir nicht gegeben war, stilistisch wahrnehmbar auf die umgestossenen Bedingungen zu reagieren.

Damit will ich nicht gesagt haben, dass beim Feng-Shui auf der Zeitung letztlich ein Nullsummenspiel stattfinde. Es geht mir nur darum, diejenigen zu beruhigen, die einen Substanzverlust befürchten, wenn sie statt des «Kirchenboten» plötzlich «reformiert.» in Händen halten. Meine Erfahrung ist die, dass sich mit dem sogenannten Relaunch eines Blattes so ziemlich alles verändert, am wenigsten aber der Inhalt.

Adieu Blondinen-Witz

Hier mache ich mich allerdings einer nicht durchs Band haltbaren Vereinfachung schuldig. Im Jahre 1983 war ich selber an einer ziemlich radikalen Umgestaltung der «Weltwoche» beteiligt. Und ich kann mir im Nachhinein nicht vorstellen, wie wir damals ohne sie vorangekommen wären. Es gibt merkwürdigerweise einen Zwang, auch nach aussen hin darzutun, dass man Entwicklungen zur Kenntnis nimmt. Ebenso wie es die Bequemlichkeit gibt, das Geltende zur Gewohnheit werden zu lassen. So wie mein Vater einst dafür plädierte, ein seltsames, ursprünglich für schön gehaltenes Gemälde für immer von der Wand zu nehmen, schien uns ein seit Jahrzehnten in der «Weltwoche» platzierter gezeichneter Blondinen-Witz namens «Mimi» irgendwie mehrfach überholt. Nie hätten wir ihn aber von seiner Seite entfernt, wären wir nicht darangegangen, nicht nur Teile, sondern das Ganze infrage zu stellen.

Selbst als der Layouter für das Heiligste, das Zeitungs-Logo, eine leuchtendere Farbe und eine Buchstaben-Diät vorschlug, hatten wir durchaus das Gefühl, die neue Fassung symbolisiere in der Tat unser Vorhaben, eine etablierte Institution als zu stetigem Aufbruch befähigt darzustellen. Schliesslich waren auch unsere häuslichen Aktionen an Büchergestell und Buffet, ja sogar an der Lage des Ehebettes nicht ohne Sinn gewesen. Und wenn es nur ein innerer Befehl war, das, was man hat, wieder einmal als nicht selbstverständlich anzuschauen. Ihm wieder einmal die Ehre erhöhter Aufmerksamkeit anzutun. Man hat einen Hang zur Gleichgültigkeit überwunden und Hand angelegt.

«reformiert.»-Werdung

Gewiss können bei der Ummöblierung auch unwiderrufliche Fehler unterlaufen. Ich mag nicht behaupten, dass solche Fehler bei Zeitungen wie der «Tat», dem «Sport» oder dem «Volksrecht» für deren Untergang verantwortlich waren. Es wäre aber doch schön, wenn es dem «Kirchenboten» bei seiner «reformiert.»-Werdung gelänge, von Fehlern, die nicht von höherer Gewalt verhängt, sondern hausgemacht sind, rundum verschont zu bleiben.

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> Brief – E-Mail
> Nickendes Negerlein – Spendenmarketing
> Kirchenbote – «reformiert.»
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