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Auflage: 251'502

© 2008 – Impressum

 

 

 

Ausgabe 10 vom 14. Mai 2008

Der reformierte Marxist

Hanspeter Uster – Wie kann sich ein linksalternativer Politiker 16 Jahre lang in der Regierung des Kantons Zug halten? Eingeübt hat Hanspeter Uster seine Rolle in der Jugend: als Reformierter im katholisch dominierten Kanton.

Von Delf Bucher

Anfang der 70er Jahre, als die Haare der Jugendlichen zu wachsen anfingen, Selbstgestricktes in Mode kam und plötzlich unter Kanti­schülern über die Perspektiven der Weltrevolution diskutiert wurde, sagte mancher 16-Jährige trotzig dem Pfarrer: «Konfirmation – Nein danke!»

Hanspeter Uster hat sich konfirmieren lassen, obwohl er dieser Generation des Auf- und Umbruchs angehört. Sicher: Der Wunsch des Vaters, dass sein Sohn einmal «Pfarrer» werde, war damals schon begraben. Aber der Jugendpfarrer Robert Tobler verschaffte sich bei dem jungen Hanspeter Respekt. Vor allem wirkte die Familiengeschichte nach, um Uster vorm Kirchenaustritt abzuhalten. Denn sein Grossvater, der als Verdingbub aus dem reformiert-bernischen Oberaargau in den Kanton Zug kam, hat sich als Original und reformierter Aussenseiter im katholischen Baar etabliert. «Der Vater wollte aber im katholischen Umfeld nicht viel Aufhebens um seinen Glauben machen», sagt Uster.

«Ätti» schon Aussenseiter

Der Sohn hingegen war mehr aus dem Holz des «Ätti» geschnitzt. Nach dem Jurastudium wollte er nicht passend zur Karriereplanung gemässigt-links in der SP politisieren, sondern hielt weiter der Gruppierung Revolutionäre Marxistische Liga, später Sozialistische Alternative Zug, die Treue. «Für meinen Vater wiederholte sich da die Aussenseiter-Geschichte meines Gross­vaters. Für ihn war dies wie ein ‹Déjà-vu›», sagt Uster.

Trotz marxistischer Erkenntnis, dass Religion Opium fürs Volk sei: Uster ist der reformierten Diaspora-Kirche im katholischen Kanton Zug treu geblieben. «Auch wenn ich der Gretchenfrage gerne ausweiche», sagt Uster. Schon wenige Minuten später wird aber im ­Ge­spräch klar: Von Ausweichen kann kaum die Rede sein. Uster scheint ähnlich wie sein politischer Weggefährte und Freund, der Nationalrat Jo Lang, davon angesteckt zu sein, theologisch-religiös zu reflektieren. Und
der Mann, dem als früherem ­Regierungsrat immer exzellente Dossierkenntnis nachgesagt wurde, hat sich auch für das Gespräch mit dem «Kirchenboten» gut vorbereitet.

Auf einem Zettel sind die Zitate versammelt, die als wichtige Wegmarken für das spirituelle Denken von Uster stehen. Zum Beispiel der Satz von Kant: «Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.»

«Zufall oder Vorsehung»

Natürlich hat eine erschütternde Zäsur im Leben von Uster zum «anhaltenden Nachdenken» gezwungen: Bei dem Attentat im Zuger Kantonsratssaal am 27. September 2001, bei dem drei Regierungsrats-Kolleginnen und -Kollegen sowie elf Kantonsräte das Leben verloren, kam Uster selber nur knapp mit einem Lungendurchschuss davon. «War es Zufall, Glück, Schicksal oder Vorsehung? Ich habe darauf keine Antwort», sagt Uster.

Zwei Wochen später sagte der eben aus dem Spital entlassene, neu gewählte Landammann bei der konstituierenden Sitzung des Kantonsrats: Bei ­allen Entscheiden sei die Dimen­sion der Gerechtigkeit, der Solidarität und der «Bewahrung der Schöpfung» mitzubedenken. «Die Formulierung stimmte für mich auf einmal», sagt Uster
im Rückblick. Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Solidarität – das ist eine Dreieinigkeit, aus dem das «sozialis­tisch-reformierte Über-Ich» beschaffen ist, das Jo Lang iro-
nisch seinem Parteifreund bescheinigt.

Rechtsstaatliche Leitplanke

Aber daneben kommt für Uster als den ehemaligen Justiz- und Polizeidirektor noch das Prinzip Rechtsstaatlichkeit dazu. Der Rechtsstaat sei als letzte Instanz auch gerade im Hinblick auf den Religionsfrieden wichtig. «Erst Verfassung und Menschenrechte bieten das Korrektiv, das die Religion vor ihrem eigenen Gewaltpotenzial schützt», sagt er. Die potenzielle Gewalt, so Uster, läge in dem Absolutheitsanspruch, der in jeder monotheistischen Religion mitschwinge, begründet. Die staatlich garantierte Religionsfreiheit und ihre Pflicht, die rechtsstaatlichen Regeln einzuhalten, das wird auch den roten Faden bilden, wenn Uster am 27. Mai auf Einladung von «mission 21» und des Reformierten Hochschulforums an der Universität Zürich spricht.

Gewalttätiges Abendland

Beinahe automatisch gesetzt sind Fragen an diesem Abend zum Verhältnis der Religion in muslimisch geprägten Ländern. Denn zeichnet aber den Islam nicht eine besondere Gewalttätigkeit aus? Der historisch versierte Jurist weist das zurück: «Im blutigen 20. Jahrhundert gingen die vier allergrössten Verbrechen, nämlich die Weltkriege, die Shoa und der Gulag, allesamt vom Abendland aus.»

Vortrag von Hanspeter Uster zu «Religion und Politik»: 27. Mai, 19 Uhr, Kulturhaus Helferei, Kirchgasse 13, Zürich.

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