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Erscheinung:
alle 14 Tage
Auflage: 251'502
© 2008 Impressum
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Ausgabe 10 vom 14. Mai 2008
Kirchenbote – «reformiert.»
«Etwas bieder kommt euer ‹Kirchenbote› schon daher», sagte ein Freund zu mir vor einiger Zeit. Trotzig konterte ich: «Du bist so ein stilbewusster Ästhet, dem die Verpackung mehr bedeutet als der Inhalt.» Aber mein Freund wollte meinen Berufsstolz vollends aus den Angeln heben und deutete mit cooler Geste auf einen Stapel von «Kirchenboten» beim Altpapier. Direkt unterhalb der zwölf Briefkästen des Altbaus, wo er wohnt, steht der Altpapierständer. Alles, was keine Gnade beim Leeren des Briefkastens findet – Werbeprospekte, Gratisblätter und Verbandszeitungen –, stapelt sich hier. Vier «Kirchenboten» waren darunter. Und der Freund liess nicht locker: «Nur die 80-jährige Frau Hürlimann und ich, weil es mich immer wundert, was du so schreibst, legen ihn nicht postwendend auf den Stapel.»
Radikaler Schritt ist angesagt
Für mich als «Kirchenbote»-Redaktor war dies ein erschreckendes Bild: Wieder hat unser mit viel Herzblut hergestelltes Blatt nicht die Gnade gefunden, um zumindest für wenige Minuten bei einer WC-Sitzung durchgelesen zu werden. Und das waren denn auch die Momente, wo mir klar wurde: Nicht sanftes Renovieren, sondern ein radikaler Schritt ist für den «Kirchenboten» mit seinen mehr als 90 Jahren auf dem Buckel angesagt.
In den letzten Jahren hatten alle Kolleginnen und Kollegen ihre Schlüsselerlebnisse gemacht. Zeitgleich meldeten auch die Zeitungsmacher der reformierten Blätter in Bern, Aargau und Graubünden ihren Reformeifer an. Gemeinsame Retraiten wurden anberaumt, und dann marschierten die Modernisierer auf. Sie erklärten uns, was für Zeitungstrends angesagt seien. Kreativer Weissraum, grosse Bilder als Blickfänger, Infografiken und dreistöckige Überschriften, die schon eine ganze Geschichte erzählen sollen.
Layout vor Text
Das Grundgesetz des modernen Zeitungsmachens fassten sie in drei Worten zusammen: «Layout vor Text!» Das heisst: Zuerst wird von der Grafikerin ganz virtuos die Architektur der Seiten aufgezeichnet, und dann erhalten die schreibenden Redaktionsmitglieder den knapp verbliebenen Raum fürs Schreiben zugewiesen. Ein brutales Diktat! In der Redaktion grummelten wir schon: «Sollen wir wirklich unsere Autonomie an den Nagel hängen und uns ein so luftig aufgeblasenes Design verschreiben lassen?»
Dann aber kam der erste Entwurf des Zeitungsgestalters Othmar Rothenfluh. Schon beim ersten Blättern in der Probenummer fühlte sich mein Auge so geschmeichelt: Plötzlich schlich sich auch bei mir, der manches Mal den «Terror der Visualisierung» in der Zeitungslandschaft beklagt hatte, unwiderstehlich das Gefühl ein: Jede Geschichte lässt sich mit maximal 3000 Zeichen erzählen. 3000 Zeichen – das ist übrigens nicht mehr als eine luftig geschriebene Schreibmaschinen-Seite. Und auch meine Kolleginnen und Kollegen fassten Mut, Adieu zu sagen von dem altehrwürdigen Titel «Kirchenbote», der seit nunmehr 1915 erschien.
Jetzt verschwindet also der «Kirchenbote». Angetreten ist das kirchliche Presse organ in seiner ersten Ausgabe vor über 90 Jahren mit dem Grundsatz: «Die Zeitung ist die Kanzel der Moderne.» Gepredigt haben wir schon lange nicht mehr. Aber wie die Reformation fürs Wort der Bibel stritt, werden die Redaktorinnen und Redaktoren von «reformiert.» fürs Wort in der Zeitung einstehen – trotz dem Korsett des modernen Zeitungsmachens. Darauf können sich alle Freunde des Wortes verlassen. Und die Liebhaber modern und übersichtlich gestalteter Blätter werfen vielleicht doch noch einen Blick in unser Blatt, bevor sie es ökologisch korrekt auf den Altpapier-Stapel ablegen.
Bu
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